Dass ein Spieler ewig bei einem Verein bleibt, kommt im modernen Fußball eigentlich nicht mehr vor. Trotzdem gibt es in jedem Team diesen einen, wo jeder hofft, dass es doch noch möglich ist. Für alle Holstein-Fans, so auch für CCK, war dies Patrick Herrmann. Das "war" schmerzt, aber ist seit gestern Realität. Der Fußballgott hat das Holstein-Stadion verlassen. Ohne dass es ein Abschiedsspiel für Herrmi gegeben hätte oder wenigstens eine Ehrenrunde - einfach weg. Es ist nicht einfach ein Spieler der gegangen, für viele ist ein Stück Holstein weggebrochen. Es fühlt sich ein bisschen so an wie der 2. Juni 2015, 90. Minute plus 1 - es lässt alle Holstein-Fans mit einer unangenehmen Leere zurück.

 

Das was bleibt, ist mehrere Zentner schwerer Dank für hunderte wunderbarer Grätschen, die Erinnerung an einen der Besten im Holstein-Trikot und Respekt an einen absolut korrekten Menschen. Mach es gut, Herrmi! Wir beginnen dann mal mit dem Bau der Statue.

 

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Als Erinnerung gibt es das Kapitel 73 aus "111 Gründe, Holstein KIel zu lieben": 

Weil ich dann nicht mehr gegen Patrick Herrmann spielen muss...“

 

Als Milad Salem 2015 nach Kiel wechselte, wurde er von einem Journalisten gefragt, was der Hauptgrund für den Wechsel an die Förde gewesen sei. Statt den üblichen Standardfloskeln „tolle Perspektiven“ und „großartige Bedingungen“ sorgte der Afghane mit seiner Aussage für Schmunzeln bei den Anwesenden: „Damit ich nicht mehr gegen Patrick Herrmann spielen muss.“ Die Duelle mit dem Rechtsverteidiger der Kieler seien immer die unangenehmsten gewesen. Für einen Defensivspieler war dies natürlich ein kleiner Ritterschlag. Vom Kieler Publikum hatte er schon vorher die höchste Auszeichnung von allen erhalten: Fußballgott.

 

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Bei seinem Wechsel zu den Störchen hätten wohl nur wenige damit gerechnet, dass sich der Mann, der seine ersten fußballerischen Schritte beim TSV Wipshausen gemacht hatte, zum absoluten Liebling des Publikums entwickeln würde. Beim VfL Osnabrück war Herrmann in die Zweite abgeschoben worden und wechselte am 1. Juli 2011 ablösefrei an die Förde. „Damals hatte ich persönlich eine schwere Zeit“, erzählte Herrmi rückblickend. „Eigentlich wollte ich nie weiter runter als 3. Liga, wusste aber vom Potenzial. So war Kiel mein Auffanglager“.

 

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Und dort gehörte er aber von Beginn zur Stammformation der Störche, sein Debüt im Holstein-Stadion gab er am 30. Juli 2011 – DFB-Pokal gegen Energie Cottbus. Das Publikum fand schnell großen Gefallen, an dem Mann mit der vorbildlichen Einstellung auf dem Platz. Und der schaffte gegen Energie gleich etwas, was sonst nicht zu seinen Spezialitäten zählte: ein Tor! Ansonsten war sein Trumpf Zuverlässigkeit und Beständigkeit. In seiner ersten Saison an der Förde musste er nur ein Spiel pausieren. Auch in der Folgesaison war er aus dem Defensivverband der Stammformation nicht mehr wegzudenken. Und auch offensiv drehte er für seine Verhältnisse richtig auf. Mit einem Treffer gegen seinen alten Verein Hannover 96 II und einem gegen den BSV Schwarz-Weiß Rehden brachte er es auf zwei Saisontore. Keine Frage, dass der Zwei-Jahres-Vertrag verlängert wurde – zudem ging es hoch in Liga 3, das was er mindestens wollte.

 

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Und auch dort brauchte Herrmi keine Abtastphase. Ganz im Gegenteil: Nach 37 Partien in der Saison 2013/14 wählte ihn der kicker zum besten Rechtsverteidiger der Liga. Kompromisslos, aber nie unfair – so unbeliebt er bei den gegnerischen Spielern war, so sehr begann das eigene Publikum ihn zu feiern und zu „vergöttern“. Inzwischen war ihm ein besonderes Privileg zuteil geworden. Wenn immer der der Stadionsprecher ausrief: „Mit der Nummer 19, Paaatrick...“, kam prompt die Antwort der Fans: „Herrmann, Fußballgott.“ Ein Titel, der an der Küste wahrlich nicht inflationär vergeben wird. Gerade gegen vermeintliche Topteams drehte der Defensivmann mit der windschnittigen Frisur besonders auf. Die Sprechchöre mit seinem Namen schallten dann immer wieder durch das Holstein-Stadion. Er lief Spiel für Spiel auf, brachte einfach immer wieder seine Leistung und räumte einen nach dem anderen Gegenspieler ab.

 

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Auch wenn er selbst kompromisslos zu Werke ging. Ließ er sich von seinen Gegenspielern niemals provozieren oder griff gar zu „dreckigen“ Mitteln. Das unterstreicht auch eine Statistik, die den Spieler Patrick Herrmann hervorragend beschreibt: In seiner gesamten Karriere erhielt er bis dato 47 Gelbe Karten, 2 mal Gelb-Rot, aber niemals eine Rote Karte. Dies brachte ihm ebenfalls den Respekt seiner Gegenspieler ein. Und abseits des Platzes? Da ist über den Familienmenschen und Hobbypianisten nicht viel zu hören. Skandale? Fehlanzeige. Auch diese Bodenständigkeit dürfte ein Grund für seine Beliebtheit sein. Patrick identifiziert sich unheimlich mit dem Verein und gehört zu den absoluten Sympathieträgern. Er ist ein echter Typ“, sagte Sportchef Ralf Becker 2016 anlässlich der Vertragsverlängerung mit Herrmann. Als Lohn für die Treue, durfte der „Fußballgott“ ein Jahr später den Aufstieg in die 2. Bundesliga feiern.

 

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Der Zusammenhalt und die Gemeinschaft wurden immer als wichtige Komponenten für den Erfolg genannt, und mehrere Spieler betonten unabhängig von einander, dass „Herrmi“ großen Anteil daran hatte. In einer Phase, als es „nicht so lief“ lud der die ganz Mannschaft mit Frauen und Kindern zu sich nach Hause zum Grillen ein – fast alle folgten der Einladung. Es ein Nachmittag, der sich nachhaltig positiv auf das Team auswirkte und damit auch ein Teil der erfolgreichen Mission Aufstieg war.

 

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„Wenn Patrick Herrmann jetzt noch Flanken schlagen kann, ist er in Liga 3 nicht mehr zu halten“, kommentierte einige Jahre zuvor die Kieler Presse. Nun musste er nicht mehr in dieser Spielklasse gehalten werden. Da „Herrmi“ nach eigener Aussage gerne noch bis minimal 40 weiterspielen möchte, würden ihm die meisten Fans wohl am liebsten noch während seiner aktiven Zeit ein Denkmal errichten. Als der Verein 2017 im Stadionmagazin den aus der „BRAVO“ bekannten Starschnitt wieder aufleben ließ, war es selbstverständlich, dass die Premiere dem Fußballgott gebühren musste. Zwar noch keine Statue auf dem Vorplatz, aber immerhin ein Anfang.

 
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