Dass Markus Anfang nur die sportliche Situation zu kommentieren habe, war wohl einer der besten Sätze, die am Dienstag zu den Vorkommnissen vor dem Spiel gesagt wurden. Ansonsten tobte zu diesem Zeitpunkt bereits die Auseinandersetzung in den Medien.

 

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Die Stellungnahme des Vereins fiel insgesamt auch weniger polterig aus, als es vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Natürlich verurteilt die KSV die Vorfälle, aber: „Wir wollen ausdrücklich keinen Generalverdacht gegenüber allen Holstein-Ultras erheben, denn das Gros hat den Verein auch in dieser Saison bislang großartig unterstützt.“

 

Die Stellungnahme des Vereins findet ihr hier.

 

Viele Fans kritisierten aber, dass es ein zu einseitiges Statement sei, nicht Bezug auf den Angriff auf den Fanbus am Sonnabendmorgen nähme. Tatsächlich wären ein paar Zeilen in Richtung der Verletzten auf der Vereinsseite wünschenswert gewesen. Gerade weil das Verhältnis zwischen Fans und Verein in den letzten Wochen so positiv wie selten war und es in sozialen Netzwerken an Vorverurteilungen nicht mangelte. „Typisch Fußballfans“, „Die haben sich ja darauf eingelassen.“,... Jeder schien genau zu wissen, wer denn da an Bord des Busses war: Eine große Gruppe gewaltsuchender Ultràs, der garantiert zumindest eine Art Mitschuld zukommen müsste. Gerade in dieser Situation hätte ein öffentliches Statement: „Wir stellen uns vor unsere Fans“ gut getan, zumal dies in der Vergangenheit ja auch schon der Fall war.

 

Sicher war es nicht förderlich, dass bis Dienstag nicht wirklich viele Stunden waren, um die Geschehnisse aufzuarbeiten. Von Seiten der Ultràs gab es ebenfalls kein Statement, wie es weitergehen würde. Natürlich gibt es dazu auch keine Verpflichtung und wahrscheinlich mussten die Vorfälle und die körperlichen Schäden auch erst einmal verarbeitet werden. Vielleicht hätte es einem aber erspart, von der BILD-Zeitung die Ultrà-Welt erklärt zu bekommen. Die Gerüchteküche brodelte jedenfalls fleißig und jeder fragte sich, was für eine Reaktion am Dienstag folgen würde.

 

Viel diskutiert wurde dabei auch die Frage eines „Boykotts“. Diese Diskussion verlief durchaus kontrovers, gerade weil es sportlich derzeit wirklich gar keinen Grund zur Klage gibt und das Duell gegen den FC St.Pauli sollte ein großer Höhepunkt werden. Volle Ränge, beste Stimmung,... Dazu sollte es leider nicht kommen - wobei, selbst wenn man eine andere Meinung hat,vielleicht auch Verständnis für die Ultràs aufgebracht werden sollte. Der Lebensinhalt, die Arbeit von zehn (!) Jahren hatte schließlich einen gehörigen Schaden erlitten, vielleicht ist sie in dem Sinne sogar ausgelöscht. Von daher wäre es eigentlich am Rest des Stadions gewesen, doppelt so laut zu sein – auch um den Zusammenhalt aller Kieler Fans zu zeigen.

 

Der Geschäftsführer der KSV, Wolfgang Schwenke, kommentierte den „Boykott“: „Es ist nicht hinzunehmen, dass ,Fans’, die ein persönliches Problem haben, das an der Mannschaft auslassen und den Support verweigern. Genau die Leute sind das, die von den Spielern verlangen, ihre persönlichen Probleme zu Hause zu lassen und auf dem Rasen Woche für Woche ihre Bestleistung abzuliefern.“ Da ist natürlich die Frage, wer Geld bekommt und wer Geld zahlen muss. Und wo auf der Eintrittkarte die Verpflichtung zum Support festgehalten ist und warum bestimmte Bereiche im Stadion von dieser Pflicht ausgenommen sind. Mit lautstarker Unterstützung ist ein Spiel zugegebenermaßen besser, doch kann im Endeffekt doch jeder selbst entscheiden, wie sehr und wann er supportet. Und die Ultràs haben sich in diesem Spiel, so schade es ist, dagegen entschieden.

 

Für die Dinge, die sich vor dem Spiel im Stadion ereignet haben, muss der Durchschnittsfußballfan vielleicht kein Verständnis aufbringen, er kann aber zumindest versuchen sie zu verstehen. Natürlich gibt es auch hierzu keine Verpflichtung und jeder hat das Recht das alles einen großen Kindergeburtstag oder einfach schlecht zu finden. Aber ein „die Chaoten“ vs. „Wir, die guten Fans“ wird einen auf Dauer nicht weiterbringen. Schließlich entstehen der von allen gewünschte tolle Support und die sehenswerten Choreos ja genau dadurch, dass für einige Menschen das „Fan-Sein“ nicht am Stadiontor endet. Es ist der Inhalt des Lebens, es wird mehr Zeit und Geld geopfert, als eigentlich vorhanden ist, die Liebe zur KSV dauert 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Wenn einem dieser Lebenssinn geraubt wird, ist dies tatsächlich ein harter Schlag, eine Ausnahmesituation. Es ist für Außenstehende sicher schwer zu verstehen. Vielleicht rechtfertigt es es auch nicht in jedermanns Augen den Platzsturm. Aber manchmal hilft es, eine Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge zu verlassen.

 

Einige Menschen scheinen diese Gabe noch zu besitzen. In einem Kommentar war zu lesen: „Das Rüberlaufen, wenn es denn sein muss...aber das mit dem Bengalo ging gar nicht.“ Wohl gemerkt kam dieser Kommentar, dem sich der Schreiber durchaus anschließen kann, nicht gerade von einem jungen „Schlachtenbummler“. Natürlich wird der Platzsturm Konsequenzen haben, die nicht positiv sind – für den Verein nicht, für die Verursacher nicht. Aber vor ein paar Jahren die Derbies gegen Lübeck miterlebt hat, weiß auch, dass die Vorkommnisse vom Dienstag keine „neue Dimension“ darstellen.

 

Von daher ist zu hoffen, dass es bald wieder gemeinsam und mit viel Hingabe für die gemeinsame Liebe weitergeht.