11. August 2017, Endstand 2:1

 

Wirkliches Pokalspiel oder eher eine weitere Standortbestimmung – das war vor dem Duell gegen Eintracht Braunschweig die Frage. Nach der Auslosung waren viele Holstein-Fans ein wenig enttäuscht gewesen, dass es kein Erstligist geworden war, nun kam der BTSV irgendwie doch ganz passend. Schließlich waren die ersten beiden Ligaspiele zwar attraktiv gewesen, hatten aber auch Schwächen, vor allem im defensiven Bereich, offenbart. Und so gab es, wie es sich bereits im Training unter der Woche angedeutet hatte, zwei Wechsel. David Kinsombi ersetzte Peitz auf der Sechs und Sebastian Heidinger kam für Patrick Herrmann.

 

Pokal

 

Erst einmal galt es aber den Tag rumzubekommen. 20:45 Uhr ist es eine eher suboptimale Anpfiffzeit. Klar, ist nach der Arbeit noch genügend Zeit für Essen und ein entspanntes Pre-Match-Bierchen, andererseits ist der Kopf für rationale Gedanken fast den gesamten Tag nicht wirklich zu gebrauchen. Irgendwann geht es dann aber doch zum Stadion, wo einiges an Staatsmacht mitsamt Wasserwerfern vor Ort ist. Ja, ist denn heute schon Dresden? Insgesamt wirkt es ein bisschen übertrieben, zudem die gästeseitige Szene vor kurzem knapp 200 Stadionverbote kassiert hat. Das macht sich leider auch im Stadion bemerkbar: Der Gästeblock ist zwar halbwegs gut gefüllt, doch die Stimmung ist eher mau.

 

Panorama

 

Einlauf

 

Im Rest des Stadions herrschte hingegen beste Pokalstimmung, auch wenn das Kribbeln vielleicht nicht ganz so doll war, wie bei früheren Partien. Liegt es daran, dass man einfach älter geworden ist? Oder daran, dass es halt nicht mehr das Duell Regionalliga gegen 1. oder 2. Bundesliga ist? Ist ja auch im Endeffekt egal. Aus den Boxen schallte der neue Song der Denkedrans und Holstein ist an sich schon Grund genug sich zu freuen und so wie die Mannschaft derzeit spielt, bringt es auch wirklich Spaß, dabei zu sein.

 

Lewo1

 

Ducksch1

 

 

Auch gegen Braunschweig wurde von Beginn an ein hohes Tempo vorgelegt, so dass der Zuschauer fast ein bisschen Angst bekommen konnte, dass den Holstein-Spielern irgendwann die Kondition ausgeht. Nach rund 20 Minuten das erste Mal Jubel im Holstein-Stadion, doch es hieß zu früh gefreut: Marvin Ducksch hatte nach wunderbarem Pass von Drexler leider nur das Außennetz getroffen. Von außen sorgten Lewerenz und Schindler wie gewohnt für Gefahr – nach einer halben Stunde sah sich Braunschweigs Trainer von daher zu einem Taktikwechsel weg von der Dreierkette gezwungen.

 

Diskussion

 

Torsten Lieberknecht nahm den aus Aue gekommenen Steve Breitkreuz (den der Schreiber kurz mit seinem Zwillingsbruder verwechselte und fast "Willkommen zurück" gewünscht hätte) vom Feld und brachte für ihn Quirin Moll. Aber auch in der Folge wussten die Blau-Gelben nicht wirklich etwas mit der Kieler Angriffswucht anzufangen, Minuten später verpasste Kapitän Rafael Czichos knapp nach einem Standard die Führung. Wie viel individuelle Qualität aber im Eintracht-Kader steckt, zeigte sich nach etwas über einer halben Stunde. Hernandez, in der Sommerpause auch von der Bundesliga begehrt, dribbelte sich in den Sechzehner, Schmidt ließ das Bein völlig unnötig stehen und Schiedsrichter Winkmann zeigte folgerichtig auf den Punkt. Lieberknecht hatte vor dem Spiel offen gelassen, ob man sich im Training für Elfmeter präparieren würde, die Antwort gab Reichel, der den Ball zur Beigeisterung der Holstein-Fans links neben den Pfosten setzte. Eine Gästeführung wäre auch des guten zu viel gewesen. Bis zum Seitenwechsel versuchte sich die KSV noch einige Male in der Offensive, aber ohne Ertrag.

 

Die Gäste hatten ihre Halbzeitansprache kurz gehalten und kehrten bereits wieder auf den Rasen zurück, als Halbzeitgast Heiko Petersen diesen fast noch gar nicht wieder verlassen hatte. Wenige Augenblicke, nach dem Guido Winkmann zum zweiten Durchgang in die Pfeife blies, hätte er diese schon wieder benutzen müssen, schließlich wurde Laufwunder Kingsley Schindler ganz klar im Strafraum gelegt, aber kein Pfiff war zu höre. Braunschweig schaltete schnell um, das Spielgerät kam zu Nyman, der Dominik Schmidt alt aussehen lies und zur Führung verwandelte. Jetzt war auch der zahlreiche Braunschweiger Anhang wieder da.

 

Drexler 1

 

Jubel 1

 

Jubel 2

 

Die KSV aber spielte weiter mit breiter Brust nach vorne. Nachdem Nyman eine Chance verpasste, zappelte der Ball auf einmal im Netz, doch der Referee pfiff Lewerenz wegen einer Abseitsstellung zurück. So richtig Glück hatte Kiel bei 50:50-Entscheidungen heute nicht. Die Partie verflachte für kurze Augenblicke, dann scheiterte Schindler aus spitzem Winkel am viel beschäftigten Fejzic im BTSV-Tor. Die KSV blieb das aktivere Team, auch in der 70. Minute, Ducksch war bereit zum Einschieben, dies konnte Baffo als letzter Mann nur per Foul unterbinden. Klare Sache: Strafstoß und Platzverweis für den Braunschweiger! An gleicher Stelle wie im ersten Durchgang machte es Drexler viel besser als der Gast und verwandelte zum Ausgleich.

 

King

 

Jubel 3

 

Holstein stürmte in der Folge mit großer Wucht in die Spitze und löste die Spielsituation spielerisch: Keine langen Bälle, das Spiel wurde breit gemacht und Eintracht-Defensive musste in Unterzahl immer mehr Wege beschreiten. Dann tat sich eine Lücke auf, Lewerenz steckte durch auf Ducksch, der den Ball zur Führung am Keeper vorbei schob. Was hat der Kerl bitte für einen Lauf?

 

Der BTSV versuchte danach mit letzter Kraft noch in die gegnerische Box zu kommen, jedoch ohne großen Ertrag. Die KSV steht damit das erste Mal seit 2011 wieder in der 2. Runde des DFB-Pokals! Und mit was für einer grandiosen Leistung dieser Sieg errungen wurde. Mit absolutem Willem, Teamgeist und spielerische Klasse wurde der individuell stärkere Gegner zurück nach Niedersachsen geschickt. Braunschweigs Trainer Lieberknecht gab sich danach als fairer Verlierer und errang damit mehr Sympathien als Kollege Keller aus Berlin, der die Errungenschaften von Kiel an der Alten Försterei auf die eigenen Fehler schob und die vorhandene Leistung der KSV unter den Teppich kehrte.
Auch wenn es für diese Leistung keine Zweiligapunkte gab, der Sieg dürfte das Vertrauen des Teams in die eigene Stärke nicht kleiner werden lassen, als regelmäßiger Besucher der Holstein-Spiele konnte man sich an eine derart starke Leistung jedenfalls nicht erinnern.

 Tribüne

In der nächsten Runde zählt Holstein anders als im ersten Durchgang zum Profitopf! Was darf es sein? Auswärts im Olympiastadion oder vor der Südtribüne Dortmund? Oder doch Gladbach zu Hause? So oder so hoffentlich auf hüpf-festem Untergrund. Es bleibt spannend!

 

Alle Bilder in der Galerie.