4. August 2017, Stadion an der alten Försterei

 

Panorama

 

18:28 Uhr: Nina Hagens "EISERN UNION" schallt durch das Stadion an der alten Försterei. Alle in rot gekleideten recken ihre Schals in die Höhe, die ohrenbetäubende Stimmung geht selbst vielen Kieler durch Mark und Bein. Spätestens jetzt weiß der Anhang in blau: Holstein spielt in der 2. Bundesliga. Gänsehaut und auch ein paar Tränen der Rührung übermannen die Schreiberin. Es ist nicht die erste Begegnung zwischen den Störchen und den Eisernen. Und trotzdem spürt das Publikum bereits weit vor dem Anpfiff, dass das hier heute ein ganz besonderes Spiel werden kann.

 

Dong Xuan Center

 

Blumen

 

Pho

 

Doch bevor die Autobesatzung das Kultstadion in Köpenick erreicht, wird noch ein Abstecher zu einer anderen, sehr lohnenswerten Location unternommen. Dank früher Abfahrt erreichen wir gegen Mittag das Gelände der ehemaligen VEB Elektrokohle in Lichtenberg. Dort hat sich ein Zentrum vietnamesischer Einwanderer gebildet. Ein Großmarkt, der kaum einen Wunsch offen lässt. Exotische Lebensmittel, Bekleidung, Accessoires und Kitsch aus aller Welt werden angeboten, dazu jede Menge Dienstleistungen: vom Friseur über die Maniküre bis hin zum Tattoo ist alles dabei. Doch das Highlight für CCK sind natürlich die zahlreichen vietnamesischen Restaurants und Imbisse, die sich über das Gelände verteilen. Wir lassen es uns natürlich nicht nehmen, niederzulassen und unter Anderem das Nationalgericht Vietnams zu kosten. Die Pho ist eine Suppe mit Rindfleisch und in unserem Fall auch guter Würzung durch Ingwer, Koriander, Lauchzwiebeln und nicht gerade milden Chilis. Außerdem wird uns vietnamesischer Kaffee serviert. Nichts für den ungeduldigen Koffeinjunkie. Eine Konstruktion aus Sieb und Filter sorgt dafür, dass brühend heißes Wasser langsam - sehr langsam - durch das Kaffeepulver hindurch in ein Glas tröpfelt, in dem sich vorgewärmte süße Kondensmilch befindet. Interessant, aber vermutlich nicht jedermanns Ding.

 

Einlauf

 

Gästeblock

 

Gästeblock 2

 

Ritter Keule

 

Eisern Kurve

 

 

Nach diesem wirklich empfehlenswerten Besuch geht es endlich in Richtung Wuhlheide. Bereits seit 1920 wird hier Fußball gespielt. Zunächst von den Vorgängervereinen der Eisernen und seit der Gründung 1966 vom 1. FC Union Berlin. Sofern nicht gerade eingefleischter Anhänger des BFC Dynamo oder Tennis Borussias ist, kann man sich vermutlich kaum der Faszination des Vereins und des Stadions entziehen. Trotz Profifußballs hat Union nie den Kontakt zu seinen Fans verloren und gilt als einer der fanfreundlichsten Clubs Deutschlands. Diese besondere Beziehung wurde vor allem bei der Renovierung zwischen 2008 und 2013 unter Beweis gestellt, bei der große Teile der Arbeiten durch Union-Fans verrichtet wurden. Auch Aktionen wie das seit 2003 jährlich stattfindende Weihnachtssingen oder das WM-Wohnzimmer 2014, bei dem Fans ihr eigenes Sofa mit ins Stadion bringen und Spiele der Weltmeisterschaft auf der Videowand sehen konnten unterstreichen die Charakteristik unseres heutigen Gastgebers.

 

So überrascht es nicht, dass beim Vorlesen der Kieler Aufstellung die Rückkehr der Störche in die 2. Bundesliga und an die alte Försterei auch vom Heimanhang größtenteils positiv quittiert wird. Die im Holsteintross mitgereisten Ex-Unioner Christopher Lenz, Dominic Peitz und Patrick Kohlmann werden sogar mit „Fußballgott“ begrüßt. Es wurden also bereits vor Anpfiff eine Menge guter Eindrücke gesammelt. Aus Kieler Sicht gilt für die folgenden 90 Minuten das Motto Bescheidenheit. Ein gutes Spiel wünscht der Kieler, die Mannschaft nicht untergehen sehen, vielleicht mit Glück einen Punkt gegen den Aufstiegskandidaten ermauern.

 

King

 

Jubel 1

 

Jubel 2

 

Drexler

 

Was dann folgt, schießt aber den sprichwörtlichen Vogel ab. Nach 32 gespielten Minuten reiben sich die 21.242 Zuschauer ungläubig die Augen. Insgesamt sechs Tore sind bis dato gefallen. Drei davon auf Kieler Seite. Mit einem geschickten Nachschuss bringt der "King" die Gäste in der 12. Minute zunächst in Führung. Der Ausgleich lässt allerdings nur 3 Minuten auf sich warten. Die erneute Führung nehmen die Kieler in der 16. Minute durch ein Eigentor dankend an. Doch das lassen die Unioner nicht auf sich sitzen. In Minute 24 und 27 schießen sie sich in Führung. Drexler weiß ein Mittel dagegen und schiebt nach einer Lewerenz-Flanke zum 3:3 Pausenstand ein. So eine Halbzeit schreit nach einem Schnaps. Der ist allerdings nicht in greifbarer Nähe. So müssen je nach Geschmack Fingernägel, Kaugummi, Bier oder Zigaretten herhalten.

 

Die zweite Halbzeit scheint zunächst etwas ruhiger anzulaufen. Doch es dauert nur schlappe sieben Minuten, bis der Ball wieder im Netz zappelt. Leider in dem hinter Kenneth Kronholm. Und obwohl wir uns vor dem Spiel nicht allzu viel ausgemalt hatten, nervt dieser Rückstand doch ein wenig. Zumal diesem hinterher gelaufen wird. Die Kieler ackern was das Zeug hält. Die blaue Wand im Rücken unserer Mannschaft gibt alles, um die Störche nach vorne zu peitschen. Dominick Drexler steckt ohne Ende ein - am Abend wird er sich vermutlich fühlen, als sei er von Ritter Keule höchstpersönlich verdroschen worden. Doch das erlösende Tor will einfach nicht fallen. Nach Abpfiff zeigt der Kieler Block deutlich, was er von der Mannschaftsleistung hält. Unter großem Applaus honorieren die mehr als 1.500 Kieler das, was die Störche 90 Minuten auf dem Platz geleistet haben. Auch wenn besonders die Defensive heute ihre Schwächen offenbart hat, so kann sich über mangelnden Einsatz und Kampfgeist nicht beschwert werden.

 

 

 

Ducksch

 

Endstand

 

Fazit des Spiels: Die Fahrt geht mit gemischten Gefühlen nach Hause. Holstein hat sich teuer verkauft und gegen einen der Aufstiegsfavoriten eine breite Brust gezeigt. Trotzdem ärgert der verpasste Punkt doch ein kleines Bisschen.

 

Der Ärger sollte aber rasch verfliegen. Denn am kommenden Freitag brauchen wir unsere breite Brust in der ersten DFB-Pokal Runde gegen Eintracht Braunschweig. Denn schließlich wollen wir in der zweiten Runde Auswärts nach Bonn (oder Koblenz oder Schweinfurt oder Dorfmerkingen oder …).

 

Alle Bilder in der Galerie. (Aus technischen Gründen ist die Reihenfolge Grütze - das wird noch korrigiert.)