VOLKSWAGEN-ARENA, 17. Mai 2018, Endstand 3:1

 

Über den Sinn oder Unsinn der Relegation wurde schon viel diskutiert. Während Anhänger des HSV gefühlt mehr als die zwei Male und auch der VfL Wolfsburg in diesem Jahr zum zweiten Mal hintereinander sich derzeit vermutlich pro Relegation aussprechen würden, waren die von unten aufstrebenden Mannschaften viel zu oft die Gekniffenen. Da ist man drittbester der Liga und muss nochmal zwei Spiele lang zittern und wird im Negativfall noch um den Lohn harter Arbeit gebracht. Umgekehrt spielt sich eine Mannschaft eine Saison lang nur Grütze zusammen und bekommt trotzdem nochmal die Chance, sich dank eines furios inszenierten Finales selbst zu feiern. Gerecht ist anders. Hinzu kommt die fehlende Planungssicherheit für beide Kandidaten.

 

Relegation

 

Eine Erfahrung, die Holstein schon 2015 machen durfte. Wie es ausgegangen ist, wissen wir alle. Und trotzdem war schon damals und auch im Jahr 2018 das Erreichen der Relegation für die Störche ein echtes Highlight. Bloß mit dem Unterschied, dass man 2015 zumindest schon mal verstohlen in die nächsthöhere Liga geschielt hatte, während in dieser ersten Zweitligasaison niemand davon zu träumen gewagt hatte, an die große, schwere Tür zur Beletage anzuklopfen.

 

Doch bevor der Kieler Fan sich emotional auf dieses Großereignis einstellen konnte, hagelte es aus Richtung der DFL noch ein paar Steine, die den Weg schwerer machen sollten... Es gab kein Vorbeikommen an dem Thema Holstein-Stadion. Nicht die Sicherheitsbedenken oder manch eine improvisierte Struktur waren das Problem. Es war schlicht die Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze. Das Ringen um die Lizenz begann, es wurden Ausweichmöglichkeiten diskutiert, in den Medien machte sich Stimmung pro Holstein und contra DFL breit. Die Anhängerschaft bangte um die möglichen Bundesligaheimspiele am Westring. Hamburg? Rostock? Oder gar Hannover? Das Holstein-Stadion war alternativlos, unantastbar. Am letzten Spieltag äußerten nicht nur die Kieler Fans ihren Unmut. Auch Solidaritätsbekundungen unter Anderem aus Berlin und München machten die Runde. Denn schließlich ging es nicht alleine um die KSV und das Holstein-Stadion. Es ging um die Einstellung, die die DFL einem Verein wie Holstein gegenüber hatte. In einer Zeit, in der sich viele Vereine hoch verschulden um eine Arena zu errichten und nicht selten an den eigenen Ansprüchen scheitern, kommt die Einstellung Holsteins fast schon spießig daher. Es wird investiert in ein Nachwuchsleistungszentrum, Investitionen ins Stadion beschränken sich aufs für die aktuelle Spielklasse Nötige. Es geht nicht um „neu“ und „schick“ - der Norddeutsche nimmt es, wie es ist. Hauptsache es löppt. Und trotzdem wird im Hintergrund an der Zukunft gearbeitet. Damit sie solide ist, geht der Verein es langsam an. Nich' auf Deubel komm' raus, nich' mit Hauruck. Stück für Stück. Nachdem nicht wenige Vereine in den letzten Jahren besonders unter der Last hoher Stadionmieten zusammen gebrochen sind, muss das Vorgehen Holsteins den Verbänden doch solide und vernünftig vorkommen.

 

Aber genau dieses Vorgehen drohte den Störchen nun auf die Füße zu fallen. Doch 26 ½ Stunden vor Anpfiff des Relegationshinspiels schlug die Nachricht, dass eine Einigung erzielt wurde ein, wie eine Bombe. Erst nur über ein Newsportal, verbreitete sich die Nachricht rasend schnell durch das World Wide Web. Die DFL erteilte Holsten unter strengen Auflagen die Lizenz für die 1. Bundesliga. Inklusive Heimspielen im Holstein-Stadion. Der Stein, der den Holstein-Fans vom Herzen fiel war vermutlich bis an die Aller zu hören. Ein zusätzlicher Schub für den Donnerstag.

 

Nicht wenige dürften in der Nacht davor eher unruhig geschlafen haben. Egal ob morgens in aller Ruhe, Mittags nach einem halben Arbeitstag oder unmittelbar nach Feierabend. An die 4.000 Holstein-Fans machten sich auf den Weg. Bereits drei Stunden vor Anpfiff war das Gelände vorm Gästeblock teilweise in Rot getaucht. Viele genossen auf dem Deich des Mittellandkanals, der direkt hinter der Kurve entlang fließt, die warmen Sonnenstrahlen. Es wurde viel gelacht, gefachsimpelt und vor allem über die aktuellsten Geschehnisse gesprochen. Ein Gefühl von Sommerfest. Dass es hier um ein sportliches Großereignis handelte, war fast Nebensache. Vielmehr war es Teil eins der Abschlussfeier einer großartigen Saison. Trotzdem war eine gewisse Spannung vorm Spiel nicht von der Hand zu weisen. Spätestens bei einem Blick auf den Gästeblock innerhalb des Stadions kribbelte es. Hier konnte der Grundstein für etwas ganz Großes gelegt werden.

 

Arena

 

Stadion

 

Doch bevor Schiedsrichter Deniz Aytekin zur Attacke blies, gab es noch die übliche „Wolfsburg-Show“ mit künstlichem Gewitter (Gebt York einen Dimmer fürs Flutlicht!) und Wolfsgeheul (Müssten wir dann klappern?). Ganz ohne Special Effects sorgte auch der Gästeblock für ordentlich Stimmung. Das rote Dreieck in der Arena sang schon vor Anpfiff nach vollen Kräften, die Atmosphäre aus Kieler Sicht einmalig. Und nicht nur der Gästeblock sollte mit Kiel mitfiebern. In zahlreichen Kneipen, Biergärten und anderen Public Viewing Locations in Kiel, eigentlich in ganz Schleswig-Holstein wurden die Daumen gedrückt. Anfeuerungs-Nachrichten kamen von Freunden aus ganz Deutschland aufs Handy. Jeder der ansatzweise Sympathien für Holstein hegte war dabei. Ob am Ticker, am Radio oder, weil die DFL den Fans ja mehr Spannung durch die K.O. - Spiele im TV versprochen hat, kostenpflichtig im Eurosport-Player (genau unser Humor...) - selten hatte Holstein so viele Fußballfans hinter sich.

 

WOB

 

Fäste

 

Die Aufstellung sorgte bei den KSV-Anhängern erstmal für große Erleichterung. Gegen Braunschweig noch verletzt auf der Tribüne standen Schmidt, Drexler und Herrmann wieder in der Startelf. Im Vorfeld herrschten in erster Linie fast schon euphorische Gefühle. Aber mit Anpfiff war klar, dass gute Laune, blendende Stimmung und überragender Support alleine keine Tore schießen. Die Gastgeber, im Vorfeld wurde stellenweise angezweifelt, ob der Millionen-Kader sich überhaupt der Tragweite der Wolfsburger Situation bewusst war, bestand schlussendlich aber aus Profis.

 

Wöfi

 

Bruno

 

Markus

 

So konnte Bruno Labbadia unter Anderem auf Brooks und Malli zurückgreifen, deren Ablösen, welche die Wölfe nach Berlin bzw. Mainz überwiesen alleine schon Kiels Personaletat überstiegen. Dieses finanzielle Volumen sah man auch gleich auf dem Spielfeld wieder. Ein wenig fühlte man sich an die Spiele gegen Sandhausen und in Mainz erinnert, denn auch da brauchten die Störche ein wenig Zeit, um sich an das gestiegene Niveau zu gewöhnen. Leider war das Niveau dann doch höher als bei genannten Beispielen und ließ einen das Schlimmste befürchten. Der Ball lief flüssig durch die Reihen der Wölfe, die Topverdiener schienen sich nach Monaten des Krampfes offenbar doch noch dazu hinreißen zu lassen, guten Fußball zu spielen. Es dauerte eine Viertelstunde, bis besagter Malli sich durch die Kieler Defensive tankte, Kronholm musste sich strecken und wehrte den Ball kurz vor die Füße von Origi ab. Der machte einen Schritt nach vorne und erzielte die Führung. Die Wölfe belagerten weiter das Kieler Tor, von Entlastung war nicht viel zu spüren. Erst langsam fanden die Störche ihren immer wieder gepredigten Mut wieder. Nach 35 Minuten war es Drexler, der mit einer feinsten Einzelaktion die Defensive an der Grundlinie wie Slalomstangen umkurvte und perfekt Schindler im Fünfer bediente, 1:1! Gut, dass der Oberrang im Gästeblock mit einem Zaun versehen wurde, ansonsten wären Sitzinhaber wohl spontan in den Unterrang gefallen. Extase pur! Wolfsburg ließ sich aber nicht beunruhigen, spielte weiter gefällig in die Spitze und das wurde kurze Zeit später abermals belohnt. Schmidt setzte eine Kopfballabwehr direkt vor die Füße von Brekalo, der sich sogleich ein Herz fasste und über Kronholms Fingerspitzen hinweg den Gastgebern die erneute Führung bescherte. Mit ein wenig Glück hätte der Schlussmann den Treffer noch verhindern können.

 

Lewo

 

Drexler

 

Jubel

 

King

 

Czichos Duckschi

 

King 2

 

Nach Wiederanpfiff zeigte sich der VfL ebenso dominant. Nach weiteren Gelegenheiten setzte sich Origi gut durch und fand vor dem Tor Malli, der diesmal Kronholm locker austanzte und die Führung ausbaute. Jetzt war guter Rat teuer. Anfang wechselte durch und brachte u.a. Mühling für den blass gebliebenen Peitz. Holstein traute sich nun mehr und kam ab der 70. Minute zu einigen hervorragenden Chancen. Leider ließen die Störche die Effektivität aus Dresden und Ingolstadt vermissen, sodass den zahlreichen Gästefans der Torjubel bei Gelegenheiten durch Mühling, Ducksch oder Seydel im Halse stecken blieb. Auch defensiv hatte man die Elf vom Mittellandkanal endlich ganz gut im Griff, doch dass wichtige 3:2 wollte einfach nicht fallen. Wie sehr dieses Versäumnis schmerzen wird, kann der Holstein-Fan erst am kommenden Montag sehen. Die letzten 20 Minuten bilden zumindest eine gute Grundlage für den Glauben an das Umbiegen des Ergebnisses.

 

Ergebnis

 

Nach dem Abpfiff wurde dann klar, was wir am Fußball eigentlich so lieben. Während ein sehr großer Teil des Heimpublikum schon vor Ablauf der Nachspielzeit die Ränge verließ, blieb die Kieler Kurve auch weit nach Spielende und jubelte den Störchen zu. Es ging nicht darum, die Leistung des Spiels zu beurteilen. Jeder einzelne bedankte sich beim Team für die tolle Reise, auf die die Fans mitgenommen wurden.

 

Kurve 2

 

Ede und Ducksch

 

„Ich bin so dankbar, so etwas überhaupt erleben zu können. Da steht man mit seinen Kindheitsfreunden im Gästeblock, blickt sich um und sieht an die 4.000 Holsteiner, die selbst im Heimbereich zahlreich zu erkennen wahren. Und eine Mannschaft, bei der einem das Herz aufgeht.“ - Eine Aussage der sich vermutlich jeder Holsteiner, der an diesem Donnerstag in Wolfsburg war, anschließen kann. Die Beziehung, die sich im Laufe der Saison zwischen Mannschaft und Fans entwickelt hatte, der Stolz, die Anerkennung und auch der Respekt für das, was geleistet wurde waren trotz der Niederlage an diesem Tag nicht zu übersehen. Das zeigte sich besonders in der Verneigung Markus Anfangs vorm Gästeblock. Ein Trainer, der zu Beginn seines Engagement lediglich eingefleischten Fußballkennern ein Begriff war, steht heute für einen unterhaltsamen Offensivfußball, um den uns viele hochklassige Mannschaften beneiden. Eigentlich müssen wir uns vor ihm verneigen.

 

Herrmi

 

Anfang

 

Dazu haben die Kieler Fans ja aber noch am Pfingstmontag Gelegenheit. Nach 34 Spieltagen und den ersten 90 Minuten Relegation geht es um 20:30 Uhr um die Wurst (bzw. ums Fischbrötchen). Es gibt keinen Zweifel daran, dass jeder mit blau-weiß-rot im Herzen und dem Wappen auf der Brust alles dafür geben wird, dem bösen Wolf in diesem Märchen Paroli zu bieten. Vielleicht sogar mit Happy End.

Doch egal, ob es in der kommenden Saison nun Erst- oder Zweitligafußball im Holstein-Stadion gibt: Wir könnten alle nicht stolzer auf das sein, was wir alle gemeinsam erreicht haben. Und wir wünschen uns am Montagabend trotzdem eine hochemotionale Verabschiedung unseres Trainers. Denn ohne Markus Anfang, seinem Team und der tollen Mannschaft, die er so perfektioniert hat, hätten wir diesen besonderen Moment vermutlich nicht erleben dürfe.

 

Alle Bilder in der Galerie.

 
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